Die Gründerjahre nach 1872 - Gründerspekulation

Die Reparationszahlungen Frankreichs nach dem Krieg 1870 / 1871 entfachten in den „Gründerjahren“ in der Reichshauptstadt Berlin einen ungeheuren wirtschaftlichen Aufschwung. In Erwartung weiteren Zuzugs aus der Provinz blühte vor allem die Bodenspekulation. An diesem Geschäft versprachen eine Menge Banken und Immobiliengesellschaften ihren Aktionären beteiligt zu sein – neue Aktiengesellschaften sprossen wie Pilze aus dem Boden.

 

Nun hatte der Börsenboom in der Gründerzeit den gleichen Pferdefuß wie letztlich auch der „Neue Markt“ zum Anfang diese Jahrhunderts: Alle wollten an ein und demselben Geschäft mitverdienen, und die allgemeine Euphorie eilte den wirtschaftlichen Realitäten in Siebenmeilenstiefeln voraus. Allein in Berlin gab es plötzlich über 80 Terraingesellschaften. Über ihre Ankaufwut heißt es in zeitgenössischen Quellen:

 

„Sie kauften Häuser und Grundstücke in der Stadt und legten sie nieder; sie kauften öffentliche Gärten und Etablissementsund verwandelten sie in Bauplätze; sie kauften die Kartoffeläcker und Gemüsefelder in den Vorstädten, die Wiesen, Sümpfe und Sandschollen vor den Thoren, die Weiden und Ländereien der benachbarten Dörfer, und steckten überall Häuserzeilen und Straßenviertel ab. Aus den Gärtnern der Vorstädte, aus den Bauern der Umgegend wurden  Capitalisten, die nicht recht wussten, was sie mit ihrem Gelde anfangen sollten und es bald  der Börse zutrugen. Im zweimeiligen Umkreise von Berlin gab es plötzlich  keine Aecker und Felder mehr – nur noch Baustellen und Baugründe.“

 

Der damalige Statistiker Schwabe rechnete aus: Hätten alle Gründer ihre Bauprojekte ausgeführt, hätten die in Aussicht gestellten Neubauten für eine Bevölkerung von 9 Millionen Menschen ausgereicht – Berlin hätte auf die dreifache Größe des damaligen London anwachsen müssen. Aber in Wirklichkeit wurde natürlich längstens nicht so viel gebaut.

 

Einen sehr guten Einblick in diese Zeit gibt das Buch „Der Börsen- und Gründungsschwindel in Berlin“ von Otto Glagau – erschienen 1876 im Verlag von Paul Frohberg und 1996, Reprint im Antiquariat Wilhelm Hohmann, Stuttgart.

 

Das Vorgehensmuster war überall ziemlich gleich; die Initiatoren kauften oft schon zu einem überhöhten Preis, einem Fabrikbesitzer das Unternehmen ab. Es flossen Provisionen in allen Richtungen und schließlich bürdete man die ohnehin schon zu teuer gekauften Fabrikanlagen zu nochmals verdoppelten oder verdreifachten Preis einer dafür gegründeten AG auf. Nun strichen die Banken noch große Kommissionen für die Platzierung ein, ehe das Publikum die Aktien endlich zeichnen „durfte“. Meist jedoch erst nachdem der Kurs über pari hinaufmanipuliert worden war. Auf dem Höhepunkt des Schwindels wurde sich nicht mehr die Mühe gemacht, überhaupt noch reelle, bestehende Unternehmen als Basis eine AG-Gründung zu nehmen; phantastische Ideen über das was man zu unternehmen gedenke, reichten völlig aus, um dem genauso profitgiereigen (nur dümmeren) Anlegerpublikum das Geld aus der Tasche zu ziehen. Oft wurden die Dividenden aus der Substanz gezahlt.

 

 

Derartige Spekulationen wird es immer wieder geben. Da jede Generation ihre Fehler selbst machen möchte, werden sich auch die Fehler der Vergangenheit immer erneut wiederholen. Gerade nach der Wende gab es in den neuen Bundesländern einen ähnlichen Immobilienboom. Der Unterschied war nur, dass der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl die „blühenden Landschaften“ versprochen hatte – und wer wollte da klüger sein, als der Bundeskanzler.

 

Beispiele für derartige Gesellschaftsgründungen:

Actien-Bauverein "Königstadt"

 "City" Actien-Baugesellschaft

Cuxhavener Immobilien-Gesellschaft

Deutsch-Holländischer Actien-Bauverein

Deutscher Central-Bau-Verein

 

Literatur- und Quellennachweis:

 

Freunde Historischer Wertpapiere F.H.W.;

Verschiedene Auktionskataloge, insbsondere zur Auktion Nr. 99 am 28.05.2011