BEROLINA Häuserbau-Actien-Gesellschaft

 

 

Insgesamt sind mir von den Papieren (Emission 1871)   aus verschiedenen Auktionen vier Exemplare bekannt – Nr. 22, 23, 24 und 77. Lt. GET wurden allerdings bereits 8 Stücke versteigert (eventuell auch mehrmals). Insofern sind die Preise von deutlich mehr als 1.000,00 € sicherlich „sehr ambitioniert“.

 

Von der Aktie 77 liegt mir leider nur der Talon mit Gewinnanteilscheinen Nrn. 2 bis 10 vor. Der Gewinnanteilschein Nr. 1 für das Jahr 1872 fehlt.

 

Die Gesellschaft

 

Die Gesellschaft wurde am 24.10. resp. 02.11.1871 mit Sitz in Berlin auf unbestimmte Dauer gegründet.

Zweck: „Dem herrschenden Wohnungsmangel in Berlin durch Erbauung von Häusern abzuhelfen“.

Das Grundkapital betrug 100.000 Thaler, begeben in 1.000 Aktien zu je 100 Thalern.

 

Durch rentable Zukäufe prosperierte das Unternehmen und rief eine außerordentliche Generalversammlung ein, auf der die Aktionäre dem Vorschlag des Aufsichtsrates zustimmten, das Aktienkapital auf 1 Mio. Thaler zu erhöhen. Lt. Bekanntmachung sollten hiervon einstweilen nur 400.000 Thaler in Aktien zu je 100 Thaler zur Subskription kommen. Emittiert wurde dergestalt, dass auf fünf alte Aktien eine neue zum Parikurs zu beziehen war und die übrigen Aktien zum 14. Januar 1872 an der Gesellschaftskasse in der Kronenstraße Nr. 50 zum Kurs von 105 zur öffentlichen Subskription aufgelegt wurden. Das Agio von 5 % floss dem Reservefonds zu, wovon die Dividende der neuen Aktien pro 1872 „profitieren sollten“. Das Bankhaus Priester & Jacoby in Berlin führte die auf 900.000 voll eingezahlten neuen Aktien dann am 16. September 1872 als pari mit 5 % Zinsen an der Berliner Börse ein. Mit dem Kapital erwarb die Berolina Terrains im „Weichbild“ der Stadt Berlin und besaß demzufolge rentable ältere Häuser. Gleichzeitig wurden am Frankfurter- und Königstor weitere Bauvorhaben in Angriff genommen. 1873 wurden auch einmal Dividenden ausgeschüttet. Weitere Eintragungen in den entsprechenden Handbüchern fehlen; in den Jahren 1883 – 1884 im Saling dann noch unter „wertlose Industrieaktien“ aufgeführt.

 

Diese Gesellschaft (ähnlich auch die "Deutschlands Baubeförderungs-Verein AG) gehörten zu den Gesellschaften, die wahrscheinlich unter den Begriff "Gründungsschwindel" gehören.

 

Otto Glagau schreibt hierzu in einem 1876 erschienenen Buch "Der Börsen- und Gründungsschwindel in Berlin":

"Die Menge der Bauvereine, Baugesellschaften und Baubanken war bald so groß, dass es an Namen für sie gebrach, dass selbst Börsenleute sich in dem Labyrinth dieser Namen nicht mehr zurecht finden konnten. Man höre: ........ Berolina....... Deutschlands Baubeförderungs-Verein  ....... in Berlin domilicierten gut 80 solcher Gesellschaften, von denen sich heute (1876) eine Reihe in Liquidation oder Concours befinden. Hätten die Gründer ihre Bauprojecte durchgeführt, so wäre der Bedarf an Wohnungen für Zeit und Ewigkeit gedeckt gewesen. Der ....... hat berechnet, dass die in Aussicht gestellten Neubauten für eine Bevölkerung von neun Millionen zureichen würde. Weitaus die Mehrzahl der Baugesellschaften baute nicht und beabsichtigte auch gar nicht zu bauen. Sie entwarfen Baupläne, steckten Strassen, Strassen-Viertel und Marktplätze ab ....... und schlachteten Baustellen aus ....... Um ihre Actien unterzubringen, warfen die Baugesellschaften Bauzinsen aus. Während der Bauzeit sollten die Actionäre 4, 5, oder gar 6 % zinsen erhalten ....... Selbstverständlich staken die Bauzinsen schon in dem so hoch wie möglich gegriffenen Actien-Capital, und die Actionäre bezahlten sie thatsächlich wieder selber, aus der eigenen Tasche."